Die Unterweisung in Großbritannien beruht auf einem Satz des Health and Safety at Work etc. Act 1974: Der Arbeitgeber muss „such information, instruction, training and supervision as is necessary“ bereitstellen, um Sicherheit und Gesundheit der Beschäftigten zu gewährleisten, soweit vernünftigerweise durchführbar. Wann genau, regeln die Management of Health and Safety at Work Regulations 1999. Deren Regulation 13 nennt zwei Arten von Anlässen: die Einstellung und jede neue oder erhöhte Gefährdung.
Eine Stundenzahl gibt es nicht, eine allgemeine Wiederholungsfrist auch nicht. Wer das deutsche System kennt, findet trotzdem viel Vertrautes: Auch § 12 ArbSchG knüpft die Unterweisung an Anlässe wie Einstellung, neue Arbeitsmittel oder neue Technologien. Dieser Leitfaden gilt für Großbritannien, also den Raum, den die HSE-Statistik abbildet. Nordirland hat eigene Vorschriften.
Was das Gesetz von 1974 verlangt
Das Gesetz bildet den Rahmen. Section 2 verpflichtet Arbeitgeber, Gesundheit, Sicherheit und Wohlergehen ihrer Beschäftigten zu schützen, soweit vernünftigerweise durchführbar, und nennt Schulung als eines der Mittel. Kurs, Dauer oder Form legt es nicht fest. Gemessen wird am Ergebnis: Reicht die Schulung für die Gefahren, denen Menschen tatsächlich begegnen?
Den Wortlaut finden Sie in Section 2(2)(c) des Health and Safety at Work etc. Act 1974 (legislation.gov.uk). Der Schlüsselbegriff heißt „reasonably practicable“. Abgewogen wird das Risiko gegen den Aufwand, es zu beherrschen. Deshalb haben ein Steinbruch und ein Callcenter unter demselben Gesetz völlig unterschiedliche Schulungspläne.
Regulation 13: Wann geschult werden muss
Regulation 13 macht aus der allgemeinen Pflicht konkrete Anlässe. Arbeitgeber müssen bei der Einstellung angemessen schulen und immer dann, wenn jemand neuen oder höheren Risiken ausgesetzt wird: durch Versetzung, neue Arbeitsmittel, neue Technologie oder ein geändertes Arbeitssystem.
Die vollständige Liste in MHSWR Regulation 13 (legislation.gov.uk) nennt neben der Einstellung vier Anlässe:
- Versetzung oder geänderte Verantwortung;
- neue Arbeitsmittel oder Änderungen an vorhandenen;
- neue Technologie;
- ein neues Arbeitssystem oder die Änderung eines bestehenden.
Absatz 1 enthält eine Pflicht, die leicht übersehen wird. Wer Aufgaben überträgt, muss die Fähigkeiten der Person in Sachen Arbeitsschutz berücksichtigen. Ein frisch geschulter Staplerfahrer, der am nächsten Tag allein in die Nachtschicht geht, kann diese Anforderung verfehlen, auch wenn der Kurs selbst gut war.
Wie oft muss wiederholt werden?
Eine allgemeine Wiederholungsfrist kennt das britische Recht nicht. Regulation 13(3) verlangt, die Schulung regelmäßig zu wiederholen, „where appropriate“, sie an neue oder veränderte Risiken anzupassen und in der Arbeitszeit durchzuführen. Die Frequenz ergibt sich aus der Gefährdungsbeurteilung, außer eine Spezialvorschrift setzt eine eigene Frist.
Das überrascht vor allem Leser aus Deutschland, wo § 4 DGUV Vorschrift 1 eine mindestens jährliche Unterweisung vorsieht. Die HSE-Broschüre Health and safety training: a brief guide (INDG345, HSE, 2012) hält fest, dass manche Fähigkeiten durch Auffrischungsschulungen aktualisiert werden müssen und dass andere Vorschriften eigene Schulungsanforderungen haben. Als Beispiele nennt sie Asbest, Tauchen und Erste Hilfe. Diese Themenvorschriften gehen dem allgemeinen „where appropriate“ vor.
Die ehrliche Antwort auf „wie oft“ lautet also: so oft, wie Sie es mit der Gefährdungsbeurteilung begründen können. Halten Sie schriftlich fest, warum Sie den Abstand gewählt haben. Die Aufsicht wird danach fragen.
Brandschutzschulung in England und Wales
Für den Brandschutz gibt es in England und Wales eine Parallelregel. Artikel 21 der Regulatory Reform (Fire Safety) Order 2005 übernimmt die Anlässe aus Regulation 13 und ergänzt zwei Punkte. Die Schulung muss Vorsichtsmaßnahmen und Handlungen zum Schutz der eigenen Person und anderer abdecken und zur Brandgefährdungsbeurteilung passen.
Auch Artikel 21 der Fire Safety Order (legislation.gov.uk) verlangt Wiederholung „where appropriate“ und Schulung in der Arbeitszeit. Praktisch heißt das: Wer neu anfängt, kennt Alarm, Fluchtwege und Sammelplatz, bevor er allein arbeitet. Die HSE zählt die Regelungen zu Erster Hilfe, Brandschutz und Evakuierung zur Grundeinweisung neuer Beschäftigter. Wie oft die Räumung selbst geübt werden muss, erklärt unser Beitrag Evakuierungsübung: wie oft Pflicht.
Wer zahlt und wann geschult wird
Der Arbeitgeber zahlt, und die Schulung findet in bezahlter Arbeitszeit statt. Section 9 des Gesetzes von 1974 verbietet, Beschäftigten etwas zu berechnen, das aufgrund einer konkreten gesetzlichen Pflicht erbracht wird. Das gilt auch für die Schulung nach Regulation 13, die nach Absatz 3(c) in der Arbeitszeit stattfinden muss.
Section 9 (legislation.gov.uk) ist zwei Zeilen lang. INDG345 sagt es noch direkter: Schulung gehört in die Arbeitszeit und nicht auf Kosten der Beschäftigten. Die Broschüre denkt auch an Teilzeit- und Schichtkräfte, für die eigene Termine nötig sein können, damit sie nicht an freien Tagen geschult werden.
Außerdem sollen Arbeitgeber die Beschäftigten oder ihre Vertretung bei der Planung der Schulungen anhören. Sicherheitsvertreter der Belegschaft (safety representatives) haben Anspruch auf bezahlte Freistellung für ihre eigene Schulung.
Wer geschult werden muss
Alle, die für Sie arbeiten, und manche, die nicht auf Ihrer Gehaltsliste stehen. Die HSE weist darauf hin, dass jemand, der steuerlich als selbstständig gilt, im Arbeitsschutz trotzdem als Ihr Beschäftigter behandelt werden kann. Führungskräfte, Vorarbeiter, junge Beschäftigte, Mitarbeitende mit neuen Aufgaben und ortsfremde Auftragnehmer haben besonderen Bedarf.
Über junge Beschäftigte schreibt INDG345 deutlich: Sie sind „particularly vulnerable to accidents“, ihre Schulung hat Vorrang, und sie brauchen Aufsicht. Die Broschüre verlangt auch, an Beschäftigte mit geringen Englischkenntnissen, mit Leseschwierigkeiten oder mit Seh- und Hörbehinderungen zu denken. Eine Präsentation in flüssigem Englisch erreicht nicht alle.
Fremdfirmen sind ein eigenes Thema. Was sie vor Arbeitsbeginn erfahren müssen, steht in unserem Beitrag Fremdfirmen unterweisen.
Wie die Schulung aussehen darf
Eine Form schreibt das britische Recht nicht vor. Laut HSE ist Schulung „nicht nur der klassische Kurs im Seminarraum“. Genannt werden Coaching, Schulung am Arbeitsplatz, offenes und Fernlernen sowie computergestütztes oder interaktives Lernen. Entscheidend ist, dass die Menschen danach sicher arbeiten können und dass Sie das überprüfen.
Genau diese Überprüfung fehlt in vielen Programmen. Schritt 5 von INDG345 fragt, ob Beschäftigte „actually working as they have been trained to“ sind und ob sich ihr Verhalten geändert hat. Empfohlen wird auch, Schulungsnachweise zu führen, selbst bei internen Schulungen, und sie zu überwachen, damit Auffrischungen rechtzeitig erfolgen.
Weder Regulation 13 noch INDG345 schreiben einen bestimmten Kurs oder Abschluss vor. IOSH- und NEBOSH-Zertifikate sind angesehene private Qualifikationen, nützlich für Führungskräfte und Fachkräfte für Arbeitssicherheit. Allein entbinden sie den Arbeitgeber aber nicht von der Pflicht, jede Person für die Risiken ihres eigenen Arbeitsplatzes zu schulen.
Was bei Verstößen droht
Ein Verstoß gegen die allgemeinen Pflichten der Sections 2 bis 6 ist nach Section 33 eine Straftat. Nach Schedule 3A drohen bei einer Verurteilung im Anklageverfahren (on indictment) bis zu zwei Jahre Haft, eine Geldstrafe oder beides. In England und Wales wurde die Obergrenze von 20.000 Pfund für Geldstrafen an den Magistrates’ Courts 2015 aufgehoben.
Die Tabelle steht in Schedule 3A des Gesetzes von 1974 (legislation.gov.uk). Hinter den Strafen stehen reale Fälle. Die HSE zählt für 2025/26 in Großbritannien 126 Beschäftigte, die bei Arbeitsunfällen getötet wurden. Die Zahl ist vorläufig und wird im Juli 2027 endgültig (HSE, tödliche Arbeitsunfälle, 2026). 31 dieser Todesfälle gingen auf Abstürze zurück, 24 auf fahrende Fahrzeuge und 21 auf bewegte Gegenstände.
Wo VR ins Bild passt
VR gehört in die Spalte „computer-based or interactive learning“ von INDG345. Seine Stärke ist das Üben. Beschäftigte können eine Werkhalle begehen und Gefahren erkennen, Arbeiten in der Höhe trainieren, ohne abstürzen zu können, oder einen Feuerlöscher einsetzen, während das Feuer wächst, solange sie zögern.
Jede Sitzung wird mit Datum und Ergebnis gespeichert. Das liefert die Nachweise, die INDG345 empfiehlt, und zeigt, wer als Nächstes eine Auffrischung braucht. Genau dafür gibt es ein VR-LMS. VR ersetzt keine beaufsichtigte Praxis am echten Gerät und vergibt weder IOSH- oder NEBOSH-Zertifikate noch einen Staplerschein. Unsere Seite zu VR-Sicherheitstraining in Großbritannien (auf Englisch) zeigt, wie die Szenarien zu diesen Pflichten passen.
Kurze Checkliste
- Jede Einstellung, Versetzung und Änderung bei Arbeitsmitteln, Technologie oder Arbeitssystem löst eine dokumentierte Schulung aus.
- Der Wiederholungsabstand je Tätigkeit ist schriftlich festgelegt und durch die Gefährdungsbeurteilung begründet.
- Themenvorschriften (Erste Hilfe, Asbest usw.) haben eigene Fristen und werden getrennt verfolgt.
- Neue Beschäftigte kennen Alarm, Fluchtwege und Sammelplatz, bevor sie allein arbeiten.
- Geschult wird in bezahlter Arbeitszeit, ohne Kosten für die Beschäftigten.
- Sie können belegen, dass die Menschen so arbeiten, wie sie geschult wurden.
Zum Vergleich mit Deutschland hilft unsere Übersicht Unterweisung Arbeitsschutz: wie oft?, zum Vergleich mit Frankreich der Beitrag Sicherheitsunterweisung in Frankreich. Die verfügbaren Szenarien finden Sie im VR-Schulungskatalog, und warum VR-Schulungen wirksamer sind fasst zusammen, was die Forschung über wiederholtes Üben sagt.




